Coconut Grove - "Miamis Village"

Mit seinen Schlösschen im Renaissancestil, seinen populären Festivals und seinem in jeder Hinsicht farbenfrohen Charakter ist Coconut Grove eines der ungewöhnlichsten Stadtviertel Miamis - und das mit der längsten Geschichte. Wer die "Grove" heute besucht wird sich kaum vorstellen können, wie die Besiedlung Süd-Floridas, die in dieser Gegend ihren Ursprung hatte, einst begann.

      Das berühmte Vizcaya Museum mit englischem Garten          Blick auf Biscayne Bay

Nach dem Ende des Bürgerkrieges 1858 war Florida wie die meisten Südstaaten eine verwüstete Kriegszone, dominiert von Menschen aller Hautfarben vom Nordstaaten "Yankee" bis zum ebenholzschwarzen, ehemaligen Sklaven, von desertierten und marodierenden Soldaten beider Armeen und der Marine und steckbrieflich gesuchten Verbrechern. Dann aber kamen um 1860 herum die Glücksritter und Abenteurer und mit ihnen die ersten Siedler, die das damals als fast wertlos angesehene Land entweder für Pfennigbeträge erwarben oder von der Regierung sogar je Familie ca. 650.000 qm Land kostenlos erhielten sofern sie sich verpflichteten, mindestens fünf Jahre dort zu leben und das Land urbar zu machen. Süd-Floridas Besiedlung entstand mit der Errichtung des ersten Hotels in 1884 durch die aus England nach Florida ausgewanderten Charles und Isabella Peacock. Das Bay View House, später bekannt als Peacock Inn in Coconut Grove, fungierte als Herberge für die ersten Wintertouristen, die von Key West per Schiff heraufkamen. Ralph M. Monroe, der 1885 in die Gegend kam, benannte sie "Cocoanut Grove" nach der ersten Poststation von 1873 und begann mit den Planungen für eine Stadt, die bald die prominenteste und einflußreichste Siedlung sein würde lange bevor Flaglers Eisenbahn 1896 Miami erreichte. Als sich Miami gründete, war Cocoanut Grove bereits eine blühende Gemeinde mit eigener Schule, mehreren Kirchen, einer Bibliothek und sogar einem Yachtclub und beherbergte Biscayne Bays erste African-American Gemeinde bestehend aus farbigen Emigranten aus den Bahamas, die maßgeb-lichen Anteil am Aufbau der Stadt hatten.

Mit dem Bau der Straße die Cocoanut Grove mit Downtown Miami verband (dem heutigen South Bayshore Drive, der in die Brickell Avenue mündet), war die Gemeinde groß genug, sich selbst 1919 als Stadt zu etablieren. Schon früh zog diese erste Siedlung Süd-Floridas Künstler, Schriftsteller und Nonkonformisten, Europäischen Adel, Industriemagnaten aus dem Norden und Lebenskünstler an. So war es verständlich, daß die Stadtväter anläßlich der Stadtgründung ganz nebenbei das "a" im Namen strichen, weg vom landwirtschaftlichen Image der Kokosnuss hin zum farbenfrohen und in jeder Hinsicht blühenden Coconut Grove, wie wir es heute kennen.

Die vielen Sehenswürdigkeiten in dieser grünen Oase, denen selbst der verheerende Hurricane Andrew 1992 nur vorübergehend etwas anhaben konnte, spiegeln alle jene Vielfalt und Individualität wider, die Coconut Grove vom Rest von Greater Miami unterscheidet. Eine unbedingt sehenswerte Attraktion ist das 1916 erbaute Vizcaya Museum and Gardens, eine italienische Villa im Renaissance-Stil und ehemalige Residenz des Traktor- und Baumaschinen-Millionärs John Deering. Die 70-Zimmer-Villa nebst herrlichem Garten an der Biscayne Bay wurde 1952 vom Miami-Dade County erworben und steht heute der Öffentlichkeit als Museum und für Empfänge etc. zur Verfügung. 34 elegante, im Barock- und Renaissancestil dekorierte und möblierte Räume geben Zeugnis von Deerings Vorliebe für Italien und vermitteln den Eindruck, als stünde das ganze Anwesen bereits seit 400 Jahren hier. Neben so illustren Gästen wie Präsident Reagan, Papst Paul Johannes II und Queen Elizabeth von England war die Vizcaya auch repräsentativer Veranstaltungsort des historischen Gipfeltreffens 1994 mit Präsident Bill Clinton und den 34 Regierungschefs der westlichen Industrienationen.

      "Streets of Mayfair" Hotel und Shopping Center                       Cocowalk Einkaufs- und Entertainment Center

Ein Teil des ehemaligen Gartens beherbergt heute eine weitere Attraktion Coconut Groves - das Miami Museum of Science & Space Transit - mit verschiedenen Ausstellungen und Shows über das Universum. Eine weitere Sehenswürdigkeit mit bewegter Geschichte ist Miami City Hall auf Diner Key, so benannt, weil es ein beliebter Picknick- Bereich war für Coconut Groves frühe Siedler. Ursprünglich erbaut als Trainingslager für die Marine vor dem ersten Welt-krieg erlebte es seine Wiedergeburt nach dem großen Hurricane von 1926, der Süd-Florida noch vor dem Rest der Nation in die große Depression stürzte, als Basis der berühmten "Flying Clippers" von Pan American Airways. Pan Am warb für Miami als die "Drehscheibe der beiden Americas" und war die erste Airline, die Miami mit dem Rest der Welt verband. Es war jene legendäre Pan Am, die die ersten Touristenscharen und mit ihnen Geschäftsleute und gestürzte Politiker aus Lateinamerika nach Florida brachten und somit wesentlich zum Ruf Miamis als Wirtschafts- und Handelszentrum der Americas beitrugen. Pan Am und seine Flying Clippers gibt’s nicht mehr. Bill Jones aber, ehe-maliger Pan Am Pilot und President von Pan Am Airbridge (er war clever genug, sich den Markennamen zu sichern) lässt ein wenig von der guten alten Zeit der Fliegerei wieder aufleben. Als eine besondere Touristenattraktion, aber natürlich auch für Geschäftsleute, die das Angenehme mit den Nützlichen verbinden wollen, offeriert er mit einem zweimotorigen Wasserflugzeug Linienverkehr zwischen Miami und den Bahamas, eine einmalige Gelegenheit die Schönheiten Floridas und der Inselwelt der Bahamas aus nur ca. 2.000 Metern Höhe zu erleben.

1946 wurde das Gebäude auf Diner Key an die City of Miami verkauft und war von dieser vermietet als Restaurant bis 1954. Danach wurde es zum "temporären" Sitz der Stadtverwaltung umgebaut und beherbergt das Rathaus bis auf den heutigen Tag. Neben seinen bestehenden Attraktionen zieht die "Grove" jährlich Hunderttausende an anläßlich seiner zahlreichen Festivals und Veranstaltungen, von denen das Coconut Grove Arts Festival das bekannteste ist.
Mit dem ihm eigenen Flair ist Coconut Grove natürlich auch ein Shopping- und Nightlife-Paradies. Von Haute Couture bis Haute Cuisine bieten Shops, Boutiquen, Cafés, Bars, Restaurants und "Hang-outs" aller Coleur an und um Grand Avenue herum alles, was das Herz begehrt. Coco Walk, ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum auf drei Ebenen um einen offenen, meditterranen Innenhof gruppiert, ist der "In-Place" schlechthin. Hier trifft sich jung und alt, reich und nicht so begütert, Stars und Sternchen zu Live Musik, Kleinkunst und anderen "Attraktionen" wie der Riesen-Boa, grellbunten Papageien und dem Pflastermaler.

Die lange ein unverständliches Schattendasein führenden Streets of Mayfair beherbergen das gleichnamige Luxushotel sowie eine Shopping-Mall und ein paar Restaurants. Nach einer wohl dringend notwendigen Verschönerungs- und Verjüngungskur und dem Ausbau eines offenen Atrium-Innenhofes macht es heute dem quirligen Coco Walk wieder heftige Konkurrenz und die belebt ja bekanntlich das Geschäft. Vom "Pitcher" Bier und "Chicken Wings" im offenen Freiluftrestaurant bis zum intimen 5-Gänge-Menü bei Kerzenschein - the Grove has it all.


©  B.Carpenter