“Cinco de Mayo” - Mariachi, Menudo und Viva Mexico!
Am „Cinco de Mayo“, dem 5. Mai, feiert Mexico NICHT seinen Unabhängigkeitstag. Am 5. Mai eines jeden Jahres zele-brieren Mexikaner in aller Welt - und natürlich auch in Florida - als Nationalfeiertag den Sieg einer „Bauernarmee“ über eine zahlenmäßig weit überlegene französische Armee, die einen Wendepunkt sowohl in der Geschichte Mexicos als auch der noch jungen USA markierte. In der Schlacht von Puebla, 160 km östlich von Mexico City, schlug der mexi-kanische General Ignacio Zaragoza Seguin am Morgen des 5. Mai 1862 mit einer bunt zusammengewürfelten, nur etwa 4.000 Mann starken Miliz aus Kavallerie, Bauern und Indios die doppelt so starke, französische Armee von Kaiser Napoleon III, die als die „Supermacht“ der damaligen Zeit galt. Der Triumph der mexikanischen Truppen in der Schlacht von Puebla wurde zu einem Symbol von mexikanischer Einheit und Patriotismus.
Die Schlacht von Puebla war Teil einer französischen „Strafexpedition“ mit dem Ziel Mexico zu erobern und den österreichischen Erzherzog Maximilian als Kaiser von Mexico zu inthronisieren. Seit der Unabhängigkeitserklärung von Spanien am 15. September 1810 hatte Mexico eine Anzahl interner Konflikte zu überstehen, einschließlich des mexika-nisch-amerikanischen Krieges um Texas und des mexikanischen Bürgerkrieges, den das Land nur durch Aufnahme enormer Kredite in Spanien, England und Frankreich finanzieren konnte. Als Mexicos Regierung unter dem kurz zuvor demokratisch gewählten Presidenten Benito Juarez (einem Indio) per Dekret die Zahlungen für zwei Jahre stoppte, erklärten sich England und Spanien mit der Ausgabe von Anteilsscheinen zur Absicherung ihrer Forderungen einver-standen. Frankreich aber wollte mehr und zwar die Eroberung Mexicos.
Französische Truppen drangen von Vera Cruz am Golf von Mexico in das Land ein und marschierten in Richtung Wes-ten auf Mexico City zu in der Annahme, auf wenig Widerstand zu stoßen, die Stadt einzunehmen, damit die Aufgabe zu erzwingen wie es europäische Länder üblicherweise taten und Maximilian als Mexicos regierenden Monarchen zu eta-blieren. In Erwartung eines Angriffs französischer Truppen mobilisierte die mexikanische Regierung alle verfügbaren Kräfte unter dem Oberbefehl von General Zaragoza, der den heranmarschierenden französischen Truppen bei der Stadt Puebla östlich von Mexico City am Morgen des 5. Mai 1862 gegenübertrat. Nach nur zwei Stunden war die Schlacht vorbei. Teile der französischen Armee waren durch die Kavallerie unter Oberst Porfirio Diaz (später Mexicos Präsident und Diktator) weit vom Kern der französichen Armee abgetrennt worden und ein plötzlich eintretender Wolkenbruch, der die schwerbewaffneten und schwerfälligen französischen Trupen im Morast stecken ließ, verhin-derte die entscheidende Eroberung des Forts Guadalupe auf einem Hügel östlich des Stadtzentrums. Den Rest be-sorgte eine nur mit Macheten bewaffnete Truppe Indios, die eine Stampede Hunderter Rinder auf die französischen Soldaten organisierte, die sich zum Rückzug gezwungen sahen.
Der Sieg war ein prachtvoller Moment für die mexikanischen Patrioten und verhinderte unter anderem, daß die Fran-zosen die konförderierte Rebellenarme der Südstaaten Amerikas im gerade begonnenen Bürgerkrieg weiter mit Nach-schub versorgen konnte. Das erlaubte den Vereinigten Staaten von Nordamerika den Aufbau einer der besten Armeen der Welt, die in der Schlacht von Gettysburg, nur 14 Monate nach Puebla, die konföderierte Südstaatenarme vernich-tend schlug und damit den Beginn des Endes des amerikanischen Bürgerkrieges einläutete.
Die Tapferkeit jener, die in der Schlacht von Puebla kämpften, begründete Mexicos Stolz und seinen Freiheitswillen und half seinen Bürgern die schwierigen Jahre der nachfolgenden französischen Besatzung zu ertragen, denn schon ein Jahr später schickte Napoleon III ein noch größeres Heer und eroberte Mexico 1863 schließlich doch. Nun aber verbündeten sich die Amerikaner mit den Mexikanern. US-Truppen unter General Phil Sheridan wurden an Mexicos Grenze verlegt und versorgten die mexikanischen Widerstandskämpfer mit Waffen und Munition soviel sie brauchten um die französischen Besatzer zu verjagen. Amerikanische Soldaten wurden aus der US-Armee mit Waffen und Uni-form entlassen, wenn sie versprachen auf Seiten der Mexikaner gegen die Franzosen zu kämpfen. Die amerikanische Ehrenlegion marschierte mit in der Siegesparade in Mexico City nachdem die Franzosen 1867 gezwungen waren, Mexico zu verlassen. Es mag die Historie ein wenig verzerren anzunehmen, daß die Vereinigten Staaten von Amerika ihr Überleben nicht zuletzt womöglich auch jenen 4.000 tapferen Mexikanern zu verdanken haben, die mit dem Sieg über die Franzosen in Puebla den Amerikanern wichtige Zeit verschafften zum Aufbau der Unionsarmee – aber wer weiß.
Diese geschichtliche Verbundenheit – Mexikaner kämpften seit Pearl Habor in allen großen Konflikten an der Seite der Amerikaner – vor allem aber auch die immer noch bestehenden, sozialen Unterschiede zwischen beiden Ländern läßt für Hundertausende von Mexikanern Amerika immer noch als Paradies erscheinen, das zu erreichen sie häufig Leib und Leben riskieren. Von den rund 35 Mio. Hispanics in Amerika, der inzwischen größten Minoritätsgruppe noch vor den African-Americans, stellen die Mexikaner mit rund 24% oder rund 9% der Gesamtbevölkerung den mit Abstand größten Anteil – Tendenz weiter stark ansteigend aufgrund hoher Geburtenraten und kontinuierlicher Einwanderung. Der größte Teil von ihnen - etwa 16 Mio. - lebt in Kalifornien und Texas, der Rest vor allem in den südlichen Teilen Amerikas. Wie alle Immigranten bringen sie ihre Kultur und ihre Feiertage mit – und natürlich „Cinco de Mayo“.
Ausgehend von Puebla, wo der Tag schon unter französischer Herrschaft als Feiertag zelebriert wurde, ist der 5. Mai heute nicht nur ein nationaler Feiertag in Mexico, sondern wird inzwischen auch in nahezu jeder amerikanischen Stadt mit Latino-Anteil farbenprächtig gefeiert. Besonders bekannt ist das „Cinco de Mayo“ Festival von Los Angeles, wo es auf den Straßen und Plätzen rund um das Rathaus begangen wird mit Paraden, Sportveranstaltungen, Mariachi-Bands, folkloristischen Tänzen, Schönheitswettbewerben, „Cook-outs“, Picknicks etc. Dazu gehören natürlich mexikanisches Bier und harte Sachen wie Tequila, aber auch nationale Spezialitäten wie Chili, Enchilada, Tacos, Tamale und vor allem Menudo.
Was für Ungarn der Gulyasch, für Russen der Borscht, für Franzosen das Potage St. Germain und für Deutsche der Wirsingeintopf, daß ist für Mexikaner das Menudo – eine wunderbar aromatische Suppe aus Truthahn, Eisbein und Chili, die stundenlang mit Knoblauch und anderen Gewürzen geschmort wird. In großen Schüsseln serviert sagt man ihr fast heilende Kräfte nach als Stimulanz für die Sinne, Aufräumer für nervöse Mägen und als Mittel gegen den unvermeidlichen Kater.
So ist der „Cinco de Mayo“ – als Feiertag häufig verwechselt mit dem mexikanischen Unabhängigkeitstag am 16. September (als 1810 der revolutionäre Priester Miguel Hidalgo y Costilla eine Proklamation verkündetete, die Mexico als unabhängig von Spanien erklärte) – eine große, bunte, lautstarke Party, die Freiheit, Unabhängigkeit und Lebensfreude zelebriert. VIVA MEXICO!!, VIVA el CINCO DE MAYO!!
© Bernard Carpenter