Alle Jahre wieder - WEIHNACHTEN - auch in Florida
Wer kennt sie nicht, die liebenswerte Geschichte vom kleinen Jesuskind, daß am 25. Dezember vor rund 2000 Jahren in einem Stall in Betlehem das Licht der Welt erblickt haben soll. Zwar sind weder das Ereignis selbst noch die wun-dersamen Umstände der Geburt - Maria, die Mutter des Kindes, war gemäß allgemeiner Religionslehre Jungfrau - bis auf den heutigen Tag eindeutig wissenschaftlich geklärt. Dennoch begeht die christliche Religions-Gemeinschaft in der ganzen Welt diesen Tag als den bedeutendsten Feiertag des Jahres und trägt somit zu Recht den Titel einer Glau-bens-Gemeinschaft.
Wie soviele rituelle Veranstaltungen ist auch das Weihnachtsfest im Laufe der Jahrtausende ein Opfer des modernen Konsumrausches geworden. Seit Anfang November - und man kann sich des Eindrucks nicht er-wehren, daß der Rummel jedes Jahr ein bißchen früher beginnt - plärren in den eigens dafür aufgebauten Weihnachts-Abteilungen der Kaufhäuser die ersten Weihnachtslieder, musikalisch zusätzlich verbrämt mit den Klangfetzen aktueller Schlager aus anderen Abteilungen. Die Shopping Malls tragen ein festliches Gewand aus Kilometern weißen Schaumstoffs - eine verschneite Winterlandschaft suggerierend - und einer Orgie aus Schall, Licht und Farben die bei den ohnehin schon überfrachteten Sinnen des modernen Menschen bei längerem Verweilen leicht zum Informations-Overkill führen können. So wäre insgesamt sicherlich der Warnhinweis nicht unangebracht: Weihnachten gefährded Ihre Gesundheit (nicht nur den Geldbeutel).
Eine Steigerung dieses Vorweihnachts-Gefühls vermittelt einem dann noch Weihnachten in Florida. Bei Aussen-temperaturen von 30 Grad C will so gar keine rechte Festtagsfreude aufkommen, auch wenn sich die Weihnachts-baum-Verkäufer, die sich rasch vom Verkauf von Kürbissen anläßlich des Thanksgiving Feiertages auf Nadelgehölze umgestellt haben, alle Mühe geben. Selbst der nun immer häufiger anzutreffende Weihnachtsmann mit sei-ner aufdringlichen Schelle und dem unablässig hinausgebrüllten “Ho, Ho, Ho, - Merry Christmas” vermag die Vorfreu-de aufs Fest - noch - nicht wesentlich zu steigern. Aber auch hier gilt: “Steter Tropfen höhlt den Stein”. Schließlich ist diese Zeit des Jahres die mit Abstand wichtigste Verkaufs-Saison des Einzelhandels. In der Zeit von Thanksgiving bis Weihnachten müssen rund 40% des gesamten Jahres-Umsatzes eingefahren werden will ein Unternehmen nicht in die roten Zahlen rutschen.
Anfang Dezember rückt der Weihnachtsmann - bis dato im wesentlichen als Kundenfänger im Aussendienst tätig - dann auch in die Kaufhäuser ein. Auf einem Podest stationiert warten lange Schlangen von Eltern mit Kleinkindern da-rauf, ihre Sprößlinge auf dem Schoß von “Santa” plazieren zu können, damit diese ihre Weihnachtswünsche äüßern können und sich nach den unvermeidlichen Ermahnungen “be a good boy/girl” im Fließband-Tempo wieder verab-schieden. Am heimatlichen Kamin - im “Sunshine State” nur recht selten vorkommend - bzw. an Türen, Fenstern und sonstigen Aufhänge-Vorrichtungen werden nun die “stockings” aufgehängt - aus allen möglichen Materialien gefertigte Stiefel oder lange Socken zum Empfang von meist kleineren Geschenken anläßlich des Nikolaustages, der auch hier dem eigentlichen Weihnachtsfest um Wochen vorauseilt aber kein Feiertag ist.
Natürlich sind die Weihnachts-Wunschzettel von Groß und Klein längst bei Santa am Nordpol eingegangen - schließ-lich dauert die Bearbeitung dieser Millionen an Sonderwünschen trotz des geballten Einsatzes von “Santas little helper” seine Zeit. So ist es auch nicht verwunderlich, daß der US-Postal Service uns seit Wochen mit einer Fernseh-Blitz-Kampagne drängt nun langsam auch die Grüße und Geschenke an die Lieben auf den Weg zu bringen, damit eine rechtzeitige Zustellung gesichert ist. Angesichts der Normalität von “Overnight Delivery” für wichtige Sendungen drängt sich dem Technologie-verwöhnten Durchschnittsbürger aber doch die Frage auf, ob es wirklich nur Santa ist, der die Distribution per Schlitten - angeführt von “Rudolph, the red nose reindeer” - durchführt.
Mitte Dezember hat nun auch die größten Weihnachtsmuffel der allgemeine Rummel überwältigt. Sich in ihr unver-meidliches Schicksal ergebend illuminieren die in Florida so zahlreich vertretenen “Home-Owner” ihre Häuser und Vorgärten mit allem, was auch nur im entferntesten mit dem Thema Weihnachten zu tun hat - von “Santas” in allen nur denkbaren Formen und Farben über Rentiere mit und ohne Schlitten bis zu in allen Grundfarben beleuchteten Palmen und den die gesamte Hausfront bis zum Dach zierenden, grell-bunten Blinklichtern. Wer als Home-Owner etwas auf sich hält und im gnadenlosen Wettbewerb der Hobby-Illuminatoren mithalten will, ist leicht ein paar tausend Dollar los - von der in dieser Zeit drastisch in die Höhe schnellenden Stromrechnung ganz zu schweigen. Aber wer läßt sich die Weihnachts-Vorfreude schon mit solchen Trivialitäten vermiesen, zumal ja ggf. eine Auszeichnung durch die Gemein-de oder gar ein Bild in der lokalen Presse als Lohn winken.
Am 25. Dezember aber ist dann alles vorüber. Die Geschenke - traditionell nicht an Heiligabend sondern erst am Weihnachtsmorgen verteilt - sind ausgepackt und werden in vollen Zügen genossen, weil es sich auch in diesem Jahr im wesentlichen um Consumer-Electronic im weitesten Sinne handeln wird. Am 26. Dezember kehrt dann - anders als für die meisten Europäer - wieder der Alltag ein, denn einen zweiten Weihnachstag sieht der amerikanische Kalender nicht vor. Allerdings scheinen sich diese Grenzen inzwischen, wie bei einigen anderen US-Feiertagen auch, mehr und mehr zu verwischen. Auch die Amerikaner neigen dazu, insbesondere wenn Feiertage wie Weihnachten und Ostern in die Nähe von Wochenenden fallen, Brückentage für Kurzurlaube zu nutzen, soweit es der individuelle Job erlaubt. Aber auch ohne diese kalendermäßigen Zufälle schwächt sich während dieser Jahreszeit das allgemeine Arbeitstempo etwas ab. Insbesondere im stark lateinamerikanisch beeinflußten Florida dominieren in den Unternehmen, die nichts oder nur wenig mit Service zu tun haben, ab dem 15. Dezember die so beliebten aber auch gefürchteten “Xmas-Parties”. Beliebt, weil sie u. a. auch als Dank für die Leistungen der Mitarbeiter während des Jahres veranstaltet werden. Gefürchtet, weil sich schon so mancher beim überreichlichen Genuß von “Eggnog” um Job und Karriere gefeiert hat.
Eine besondere Weihnachts-Spezialität in Florida sind die “Holiday Boat Parades”. Alle größeren Gemeinden und Städte, die entweder über Wasserwege verfügen oder am Meer liegen, veranstalten in der Vorweihnachtszeit festlich illuminierte Boots-Paraden, die zum Teil Hundertausende von Besuchern in ihren Bann ziehen - ein Spektakel dass man sich auch als Urlauber nicht entgehen lassen sollte. So ist auch in Florida das Weihnachstfest im wesentlichen ein Einzelhandels-Fest, bei dem Konsum und Fun im Vordergrund stehen. Daneben aber nehmen die - staatlich geförderten und propagierten - Themen Kirche und Familie einen größeren Stellenwert ein als in Deutschland. Sie finden ihren Ausdruck im oft mehrfachen, gemeinsamen Kirchgang und im fröhlichen Zusammensein mit Familie, Verwandten und Freunden. Und das ist schließlich nicht zuletzt der Sinn dieses Festtages. Merry Christmas.
© Bernard Carpenter